| Wo aus der Donauebene allmählich das Waldgebirge aufsteht, lebte einmal ein junges
Mädchen, das die Bauersleute als Findelkind in ihr Haus genommen hatten. Das Mädel
war hübsch und fleißig, einen ernsthaften Bräutigam gab es aber lange Zeit nicht.
Dabei wäre die Maid so gerne wenigstens zum Kirchweihtanz in männlicher Begleitung
erschienen.
Eines Tages machte das Mädchen beim Futter mähen in aller Frühe die Bekanntschaft
eines schmucken jungen Jägers. Der fand sich immer wieder einmal bei ihr ein,
begleitete sie schließlich sogar in ihre Kammer, rührte sie aber nie an. Er selber
ließ sich auch nicht anfassen. Das km dem Mädchen seltsam vor.
Der Jäger ging mit ihr zum Kirchweihtanz und versprach ihr, sie auf Allerheiligen
zur Frau zu nehmen. Das Mädel wurde aber unsicher. Keine Berührung irgendwelcher
Art, sie hatte auch während des ganzen Sommers noch nie gesehen, daß er etwas
gegessen oder getrunken hätte und immer verließ er sie kurz vor Mitternacht –
sie suchte den Pfarrer auf und erzählte ihm von dieser seltsamen Freundschaft
und erbat seinen Rat.
Der Pfarrer gab ihr ein Bündel hochgeweihter Kräuter vom Frauentag und riet ihr,
sie solle die Kräuter stets auf dem Leibe tragen und versuchen, dem Jäger das
Hemd über der Brust ein wenig zu öffnen, damit sie sehen könne, ob er sei wie
alle Menschen.
Das war kurz vor Allerheiligen. Als der Jäger wieder zur Kammer des Mädchens
kam, konnte er nicht eintreten. Bis kurz vor Mitternacht saß er auf dem Balkongeländer
und heulte: „Ehrenreutl und Myrrhenreutl bringen mich heut um mein Bräutl!“ Da
wußte das Mädchen, daß der Leibhaftige sie beinahe geholt hätte. Der aber verschwand
und wurde nie mehr gesehen. Bald darauf hat ein Bauernsohn aus der Umgegend das
tugendsame Mädchen heimgeführt. |